Kapitel 4 – Fragmente der Wahrheit
Drei Tage vergingen.
Drei Tage voller Beobachtung.
Ragnar bemerkte die unauffälligen Drohnen, die manchmal zu lange über dem Westbezirk schwebten. Er bemerkte den schwarzen Wagen, der zweimal in derselben Straße parkte. Die Regierung hielt Abstand – aber sie ließ ihn nicht aus den Augen.
Er störte sich nicht daran.
Überwachung war kalkulierbar.
Unwissenheit nicht.
Am vierten Abend vibrierte sein Handy erneut.
Unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Heute", sagte die ruhige Stimme von Elara Voss. „Bezirk Osthafen. Alte Reliktlagerhalle 17. 20 Uhr. Komm allein."
„Ich komme allein", antwortete Ragnar.
„Ich weiß."
Die Verbindung brach ab.
Der Osthafen von Dragon Town war ein Ort für Dinge, die offiziell nicht existierten.
Alte Relikte. Zerlegte Dungeon-Kerne. Schmuggelware aus niedrigeren Floors.
Und Informationen.
Ragnar erreichte Halle 17 fünf Minuten vor der Zeit.
Große Stahltore. Rostige Außenwände. Keine sichtbare Bewachung.
Zu ruhig.
Er blieb stehen.
Aktivierte Genesis Insight passiv.
Strukturanalyse.
Vier Wärmequellen im Gebäude.
Eine davon stabil. Sitzend. Ruhiger Puls.
Die anderen drei – bewegten sich minimal.
Versteckte Sicherheit.
Er trat ein.
Innen war es schwach beleuchtet. Kisten standen in Reihen. Alte Runenreste glommen an einigen Wänden.
In der Mitte des Raumes stand eine Frau.
Schulterlanges dunkles Haar. Scharfe Augen. Schwarzer Mantel mit dezentem Emblem einer Schmiede.
Elara Voss.
Strategin der Gilde Astral Forge.
„Du bist pünktlich", sagte sie ruhig.
„Du bist vorbereitet."
Ein leichtes Lächeln.
„Misstrauen ist gesund."
„Vor allem in dieser Stadt."
Sie musterte ihn. Nicht wie eine Rekruterin. Eher wie jemand, der ein Puzzle betrachtet.
„Du hast dich verändert", sagte sie.
„Vier Tage."
„Nein. Deine Wahrnehmung."
Ragnar antwortete nicht.
Sie trat einen Schritt näher.
„Ich werde direkt sein. Deine Eltern waren keine Saboteure."
Keine Überraschung in seinem Gesicht.
„Das weiß ich."
„Sie haben keinen Tower-Kern manipuliert. Sie haben etwas anderes entdeckt."
„Was?"
Elara zögerte einen Moment.
„Ein zweites Resonanzmuster."
Sein Blick wurde schärfer.
„Erklär."
„Vor zehn Jahren gab es auf Floor 23 ein instabiles Ereignis. Ein Kern zeigte doppelte Signatur. Offiziell wurde es als Korruption klassifiziert."
„Inoffiziell?"
„Deine Eltern waren Teil des Forschungsteams. Sie fanden heraus, dass die zweite Signatur nicht von Outer-Korruption stammte."
Stille.
„Sondern?"
„Von etwas Älterem."
Das schwarze Interface flackerte leicht.
„Ursprung", sagte Ragnar leise.
Elara sah ihn aufmerksam an.
„Du kennst das Wort."
„Antwort."
Sie nickte langsam.
„Ja. Sie nannten es intern ‚Primordial Residue'. Ein Fragment vor dem System."
Seine Finger spannten sich minimal.
„Und deswegen wurden sie hingerichtet?"
„Sie wollten die Information veröffentlichen. Das hätte bedeutet, dass das öffentliche System nicht absolut ist."
Ragnar verstand.
Macht basierte auf Kontrolle.
Wenn es ein System vor dem System gab—
Dann war die Hierarchie nicht fundamental.
„Wer gab den Befehl?", fragte er ruhig.
Elara sah ihn direkt an.
„Nicht nur die Regierung von Dragon Country. Mehrere internationale Gremien waren beteiligt."
Sie trat näher.
„Und mindestens ein religiöser Orden."
Pantheons.
Natürlich.
„Warum erzählst du mir das?"
„Weil du gestern nicht nur als Hidden Unique registriert wurdest."
Sie hielt kurz inne.
„Sondern als Anomalie."
Er schwieg.
„Die Resonanz auf Floor 23 hat sich wieder aktiviert."
Sein Herz schlug einmal stärker.
„Wann?"
„Vor vier Tagen."
Sein Erwachen.
Kein Zufall.
„Was willst du?", fragte Ragnar.
„Einen Handel."
Natürlich.
„Sprich."
„Du willst die Wahrheit über deine Eltern."
„Ja."
„Die vollständige Wahrheit liegt nicht in Archiven. Nicht in Regierungsdaten."
„Wo dann?"
Sie sah zum Himmel – obwohl hier kein Himmel sichtbar war.
„Im Tower."
Keine Überraschung.
„Floor 23?"
„Nicht nur. Die Ereignisprotokolle wurden gelöscht. Aber es gibt Ebenen, die Erinnerungen speichern. Fragmentierte Stockwerke. Residuale Archive."
„Und?"
„Um dorthin zu gelangen, musst du höher steigen als 23."
„Wie hoch?"
Elara antwortete ruhig.
„Hoch genug, dass du Zugriff auf versiegelte Ebenen bekommst."
Er verstand sofort.
Floor 100 und darüber.
Existenzprüfungen.
Zugang zu tieferen Schichten.
„Bis ganz nach oben?", fragte er.
„Wenn es nötig ist."
Stille.
Die Wahrheit über seine Eltern war kein Dokument.
Sie war ein Kern.
Ein Fragment.
Vielleicht sogar eine Ursprungs-Ebene.
Sein Interface reagierte.
[ Interne Quest aktualisiert: Fragmentierte Wahrheit ]Ziel erweitert: Zugang zu versiegelten Ebenen erlangenMindestanforderung: Sovereign Rank oder höher
Sovereign.
Level 100+.
Ein langer Weg.
„Warum hilfst du mir wirklich?", fragte Ragnar.
Elara lächelte leicht.
„Weil Gleichgewicht gefährlich ist."
„Erklär."
„Der Tower existiert als Selektionsmechanismus. Aber wenn es eine Schicht darunter gibt, eine Ursprungsstruktur, dann basiert alles auf einer Lüge."
Sie sah ihn ruhig an.
„Ich bevorzuge Systeme, die ich verstehe."
Er analysierte sie.
Keine erhöhte Pulsfrequenz.
Keine mikroexpressiven Anzeichen für Lüge.
„Und deine Gilde?"
„Weiß nichts von diesem Treffen."
„Warum?"
„Weil nicht alle Wahrheiten politisch tragbar sind."
Fair.
„Was schlägst du vor?", fragte Ragnar.
„Du bereitest dich vor. Nicht überstürzt. Keine Gildenbindung. Keine öffentliche Allianz."
„Und du?"
„Ich beschaffe Informationen. Diskret."
„Preis?"
„Wenn du die Ursprungsstruktur erreichst… will ich Antworten."
„Nur Antworten?"
„Information ist Macht."
Er nickte.
Akzeptabel.
Plötzlich vibrierte die Halle leicht.
Ragnar spürte es sofort.
Nicht physisch.
Resonanz.
Das schwarze Interface flammte auf.
[ Externe Wahrnehmung erkannt ]Quelle: UnbekanntIntensität: Niedrig
Elara sah ihn scharf an.
„Du hast es auch gespürt."
„Ja."
„Das ist neu."
„Was?"
„Die Resonanz war vor zehn Jahren schwach. Jetzt ist sie… reaktiv."
Ragnar blickte in Richtung der Decke.
Als würde etwas durch Schichten von Raum sehen.
Nicht aggressiv.
Beobachtend.
„Wenn ich den Tower betrete", sagte er ruhig, „wird das stärker."
„Ja."
„Und wenn ich höher steige?"
„Dann werden dich nicht nur Gilden beobachten."
Er wusste, was sie meinte.
Pantheons.
Autoritätswesen.
Vielleicht mehr.
Er wandte sich zur Tür.
„Wann gehst du rein?", fragte Elara.
„Innerhalb eines Monats."
„Das ist früh."
„Es ist notwendig."
Er blieb stehen.
„Wenn die Wahrheit im Tower liegt… dann werde ich ihn komplett erklimmen."
Nicht aus Ruhm.
Nicht aus Macht.
Sondern aus Notwendigkeit.
Wenn Floor 23 der Anfang war—
Dann war der Gipfel das Ende.
Elara beobachtete ihn einen Moment.
„Die meisten steigen, um stärker zu werden."
„Ich steige, um zu verstehen."
Er verließ die Halle.
Draußen war die Nacht klar.
Über Dragon Town pulsierte der Tower-Eingang leicht stärker als zuvor.
Nicht für die Stadt.
Für ihn.
Er blieb stehen.
Sein Blick war ruhig.
Wenn er den Tower betrat, gab es keine Garantie, dass er das jährliche Fenster erhielt.
Vielleicht würde er die Welt nie wieder dauerhaft sehen.
Vielleicht würde er alles zurücklassen.
Aber er hatte ohnehin wenig.
Eine kleine Wohnung.
Ein Foto.
Eine Frage.
Er hob den Blick zum Himmel.
„Ich komme", murmelte er leise.
Nicht heute.
Aber bald.
Und wenn er eintrat—
Würde er nicht nur nach oben steigen.
Er würde tiefer graben.
Durch Ebenen.
Durch Konzepte.
Durch Lügen.
Bis zur Struktur selbst.
Bis zur Wahrheit über Cho Harun und Cho Min-Seo.
Und wenn diese Wahrheit bedeutete, dass das System nicht absolut war—
Dann würde er entscheiden, was daraus wird.
Seelenresonanz: 1%.
Langsam steigend.
